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STADT-WOHNEN
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Die Entdeckung des Langsamverkehrs

Er kostet nichts oder wenig, er trägt zu unserer Gesundheit bei, er belastet die Umwelt kaum. Trotzdem fristete er bis anhin weitgehend ein Mauerblümchendasein. Nun hat der Bund den Langsamverkehr entdeckt und ein Leitbild dazu in die Vernehmlassung geschickt.

Anne-Lise Hilty
Heutzutage ist der Langsamverkehr oft schneller als der schnelle, sprich der motorisierte. Es brauchte aber chronisch verstopfte Städte, bis sich die Erkenntnis durchsetzte, dass jede Radfahrerin und jeder Aussgänger, jede Skaterin und jeder Kickboardfahrer das Strassennetz entlastet, weil sie oder er nicht in einem Auto sitzt. Die sanfte Fortbewegung wurde bisher völlig verkannt, wohl weil gemeinhin nicht viel wert ist, was wenig kostet. Bundesrat Leuenberger hat sie nun als förderungswürdig erachtet und ein Leitbild erstellen lassen.
Seit man den Langsamverkehr statistisch erfasst, ist zumindest seine quantitative Bedeutung ersichtlich: Die meisten Etappen (47 %) und acht Prozent der Tagesdistanzen legen wir mit eigener Muskelkraft zurück. Und allmählich beginnen wir unseren tragenden Körperteil zu schätzen und sehen ihn nicht mehr nur als ein Verkehrsmittel für die Armen. Sowohl VCS-Mitglieder als auch Nichtmitglieder bezeichnen die Füsse als das sympathischste Verkehrsmittel.
Der Langsamverkehr soll innerhalb von zehn Jahren um 15 Prozent erhöht werden, so der Wille des Bundes. Dazu will er - auch zur Entlastung von Kantonen und Gemeinden 49 Millionen Franken für ein Anschubprogramm zur Verfügung stellen. Rund ein Drittel wird für die Optimierung des Fuss- und Wanderwegnetzes eingesetzt, ein weiterer Drittel für die kombinierte Mobilität und Velostationen. Hinzu kommen 30 Millionen Franken aus den zweckgebundenen Mineralölsteuererträgen für die Sicherheit, insbesondere für die Sanierung von Unfallstellen.
Der Bund hat erkannt, was es braucht, damit die Menschen vermehrt zu den nicht motorisierten Verkehrsmitteln greifen oder die eigenen Füsse gebrauchen. An oberster Stelle steht die Sicherheit. So ist es zwar abstrus, jedoch nachvollziehbar, wenn Eltern glauben, ihr Kind zur Schule fahren zu müssen, weil der Schulweg zu Fuss zu gefährlich ist wegen der Autos notabene. Die Wege müssen aber nicht nur sicher sein, sondern auch zusammenhängend und attraktiv. Lange Umwege und Fussgängerunterführungen wirken abschreckend. Ebenfalls wichtig ist der einfache und bequeme Anschluss an den öffentlichen Verkehr. Gedeckte und bewachte Veloparkplätze mit direktem Zugang zu den Geleisen sind gefragt, wie die neue Veloeinstellhalle im Bahnhof Basel zeigt, die innert Kürze ausgelastet war, so dass die Anzahl der Veloabstellplätze bereits nach drei Monaten von 1200 auf rund 2000 erhöht werden musste.
Eine klare Signalisation sowie umfassende und integrierte Information unterstützen die umweltfreundlichen Bestrebungen. Was nützen die tollsten Velowege, wenn man nichts von ihnen weiss oder sie nicht findet? In diesem Bereich bieten sich dank neuer Technologie auch höchst interessante Möglichkeiten, die der Bund auszunutzen gedenkt. Acht Millionen Franken sieht er für den Aufbau eines nationalen Mobilinfosystems vor, das «mindestens die Geoinformationen zu den nationalen und kantonal-regionalen sowie eventuell den kommunalen Langsamverkehrsnetzen und zu den historischen Verkehrswegen» enthalten soll, ausserdem Zusatzinformationen wie etwa Passierbarkeit von Wanderwegen, Gefahrenhinweise und Fahrpläne sowie Mietangebote für Velos und Autos.
Nebst diesen konkreten Massnahmen ist der Einbezug des Langsamverkehrs in die Gesamtverkehrsplanung unabdingbar, was auch im Leitbild festgehalten ist, das zudem die Anpassung der rechtlichen Grundlagen vorsieht. So soll etwa die Infrastruktur des Langsamverkehrs in Zukunft im Zuge von anstehenden Bauarbeiten im Strassenraum kontinuierlich verbessert werden.
Auf den ersten Blick ist das Leitbild vielversprechend, aber erst die intensive Auseinandersetzung wird zeigen, ob der Bund an alles gedacht hat. Wenn nicht, wird der VCS die Vernehmlassung nutzen, um Ergänzungen anzubringen

Das Leitbild kann bei Astra, Stradok, 3003 Bern, stradok@astra.admin.ch bezogen oder von www.langsamverkehr.ch heruntergeladen werden


Leonardo Nr. 1/ Februar 2003

 

 

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