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STADT-WOHNEN
ist ein Portal für kritische wohn- und stadtpolitische Debatten. Die Seite gibt Alternativen und Hinter- gründe zu Wohnungsnot, Mietzinsproblematik und Stadtentwicklung. Im Archiv findet sich eine breite Palette von Texten und Analysen zum Thema.

 


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Vom Bsetzer zum Bsitzer

Eine Gruppe von HausbesetzerInnen gründete Mitte der 90er Jahre die Genossenschaft Durchbruch und kaufte zwei Häuser an der Tell- und Josefstrasse in den Kreisen 4 und 5. Zwei aktiv beteiligte ziehen Bilanz.

Ihr habt jahrelang Häuser besetzt. Wie seid ihr dazu gekommen ein eigenes Haus zu kaufen?
Max*: Mitte der 90er Jahre wurden wir innerhalb von kurzer Zeit etwa fünf Mal geräumt. Wir kamen zum Punkt, wo wir nicht mehr von Haus zu Haus ziehen, sondern uns irgendwo fest einrichten wollten. Durch die Repression und die Kriminalisierung einzelner von uns wurde das Besetzen immer mehr zum Risiko und die Gruppe drohte auseinander zu fallen. Mittels dem Kauf eines Hauses konnten wir uns ein kollektives Wohnprojekt auf Dauer schaffen.

Moritz*: Früher versuchten wir mittels Besetzungen dem Citydruck etwas entgegen zu setzen; viele Projekte wie zum Beispiel die Neuüberbauungen am Stauffacher oder auf dem Wohlgroth-Areal konnten aber mit Besetzungen nicht verhindert werden. Es wurden lediglich temporäre Nischen erkämpft. Einer der wenigen Erfolge in den letzten dreissig Jahren Häuserkampf in dieser Stadt war wohl der Erhalt des Dreiecks Zweier-, Anker- und Gartenhofstrasse.

Ihr seid von «Bsetzer» zum «Bsitzer» geworden. Ist das nicht ein Widerspruch?
Max: Für viele war die Enteignung ein elementarer Hintergrund der Hausbesetzungen - «Eigentum ist Diebstahl». Wir stellten das Recht auf Wohnen über das Eigentumsrecht. Von daher gibt es klar einen Konflikt zwischen besetzen und besitzen. In den besetzen Häusern kollektivierten wir sehr viel, man besass sehr wenige persönliche Dinge. Heute schätzen wir diese Erfahrung in unseren Häusern nach wie vor.

Moritz: Ich bin anderer Meinung und sehe keinen Widerspruch. Es war nie ein Problem, wenn ein Bauer sein eigenes Land bebaut. Es war nie ein Problem, wenn Arbeiter ihre Fabrik besitzen oder wenn jemand sein eigenes Haus bewohnt. «Die Häuser, denen die drin wohnen». Kritisch wird es erst wenn du in der Wohnung von jemandem anderen wohnst, für jemanden anderen arbeiten musst und dieser daran verdient. Wenn wir in dieser Begrifflichkeit nicht klar sind, gibt es immer wieder Chaos und der Besitz wird dämonisiert. Denn wie du in deinen vier Wänden lebst, hat nichts mit den Besitzverhältnissen zu tun. Real gesehen haben wir heute mehr Freiheiten als früher.

Max: ... Freiheiten? In den besetzten Häusern war vieles ungezwungener, spontaner und kreativer. Dazu brauchten wir keine Sicherheit.

Es gab sicher auch Stimmen, die sich gegen einen Häuserkauf wehrten? Kam es zu einer Spaltung?
Max: Es schlossen sich nicht alle der BesetzerInnen in der Genossenschaft zusammen. Für einen Teil war das Kaufen oder Mieten nie eine Option; ein paar besetzen noch heute. Eine eigentliche Spaltung gab es aber sicher nicht. Die Leute, welche damals nicht mitzogen, verkehren noch heute in unserem Umfeld.

In Zürich gibt es nur sehr wenige Besetzergruppen, die später Häuser kauften. Wie erklärt ihr euch das?
Max: Es braucht einen gewissen Zusammenhalt und Vertrauen von Leuten, die über mehrere Jahre zusammen kollektiv gelebt und gekämpft haben. Diese stellen sich irgendwann die Frage, ob sie sich legalisieren wollen, dass heisst Verträge aushandeln oder selber kaufen. Viele junge HausbesetzerInnen sträuben sich aber bewusst dagegen, da die «Illegalität» und das Besetzen seinen Reiz hat.

Moritz: Für mich gibt es drei Grundvoraussetzungen für den Kauf von Liegenschaften: Leute, welche ein Haus kaufen wollen, ein gewisses Know-how und Geld. Weiter braucht es auch den richtigen Zeitpunkt, zu dem es ein Angebotüberhang gibt - sprich die Rezession. Sobald die Konjunktur wieder ansteigt, bist du mit anderen InteressentenInnen auf dem Markt, gegen die du keine Chance hast. Viele trauen sich zudem nicht zu, mit so hohen Beträgen zu jonglieren.

Aber am Geld kann es ja nicht liegen?
Moritz: Nein. Der Hauptgrund für die wenigen Häuserkäufe ist meiner Meinung nach das fehlende Bewusstsein über die Möglichkeiten eines Hauskaufs und ein ideologisches Bild, dass Besitz etwas Böses ist.

Als BesetzerInnen konntet ihr gratis wohnen. Als EigentümerInnen müsst ihr Miete und einen Genossenschaftsbeitrag zahlen. Hat sich das auf den Alltag ausgewirkt?
Max: Als BesetzerInnen mussten wir nicht nur keine Miete zahlen, sondern brauchten auch sonst sehr wenig Geld. Nach Ladenschluss erhielten wir von vielen Geschäften Lebensmittel im Überfluss. Kaum jemand von uns arbeitete mehr als 20 Prozent in Lohnarbeit. Wir reparierten und bastelten dauernd an unseren Häusern und Wohnräumen. Neben der Hochbettkultur rissen wir auch störende Wände raus und gestalteten diese Lebensräume nach unseren Bedürfnissen - daher kommt übrigens auch der Name «Durchbruch». Das Leben in den besetzten Häusern - speziell im Wohlgroth, wo sich viele von uns kennen gelernt hatten - war schon ein 100-Prozent-Job für sich.
Irgendwann kommst du aber in ein Alter, wo du die Prioritäten anders setzt. Nach dem Hauskauf begannen einige eine Ausbildung beziehungsweise Weiterbildung und heute arbeiten die meisten von uns fest. Da geht bei Ladenschluss keineR mehr auf «Tour».

Kritische Stimmen sagen, dass man sich nach einem Häuserkauf in die eigenen vier Wände zurückzieht und damit entpolitisiert wird.
Moritz: Der Vorwurf, dass es einen Zusammenhang zwischen der Entpolitisierung und dem Besitzen gibt, ist eindeutig falsch. Die Frage ist nämlich nicht, ob du besitzt oder besetzt, sondern bist du politisiert oder nicht. Du kannst auch in einem besetzen Haus den ganzen Tag Bier saufen, Joints drehen, TV glotzen und gar nichts mitbekommen. Du kannst aber auch ein Haus besitzen und eine Dynamik entwickeln. Dies ist ein Willensentscheid. Am Ende steht immer die Frage, was du aus deiner Umgebung machst.

Max: Wir nehmen uns immer wieder die Freiheit zu einem Thema ein Transpi rauszuhängen: SVP-Asyl-Initiative, Palästina, WEF usw. - das ist ein Ausdruck, was uns bewegt.

Die Kreise 4 und 5 sind zur Zeit stark im Wandel. Während die ehemaligen Arbeiterquartiere durch die offene Drogenszene lange als unattraktiv galten, sind sie heute zum trendigen Gebiet geworden. Wieso habt ihr ausgerechnet hier ein Haus gesucht?
Moritz: Es war schon ein bewusster Entscheid in den Kreisen 4 und 5 etwas zu suchen, da wir im Zentrum leben wollen. Mit dem Hauskauf an der Tellstrasse und im Speziellen auch an der Josefstrasse wollten wir aber auch der Spekulation einen Riegel schieben.

Die Gentrification in den Kreisen 4 und 5 wird in den letzten Zeit vermehrt diskutiert. Dabei verdrängen mittlere und obere Schichten BewohnerInnen unterer Einkommensklassen. Die Gentrification wird von sogenannten Pionieren initiiert; junge Menschen, die mit alternativen Projekten, ein buntes multikulturelles städtisches Leben entwickeln. In einer zweiten Phase folgen ihnen die eigentlichen «Gentrifier» (Yuppies), welche Aufwertungsmassnahmen nach sich ziehen - ein Teil der alten Bevölkerung muss wegziehen. Wart ihr euch über diese Entwicklung beim Kauf der Liegenschaften im Klaren?
Moritz: So zugespitzt waren wir uns der Situation sicherlich nicht bewusst. Wir haben uns aber schon gefragt, was es heisst in diesen Quartieren etwas zu kaufen. Und da wir in diesen Häusern weder ein Puff einrichten noch eine Sugar-Deal aufziehen oder AusländerInnen ausbeuten wollten, entsteht ein Stück weit «Schweizer Normalität», und diese breitet sich aus. In Bezug auf die Verdrängung sozial schwacher Schichten muss man klar sagen, dass bei uns eine Mehrheit weiss, mittelständisch und jung ist - da gibt es nichts daran rumzureden. Es fragt sich nur, ob das schlimm ist. Für mich ist vielmehr entscheidend, dass die Leute über ihren Wohnraum selber bestimmen, nicht via Miete ausgebeutet werden und niemand verdrängt worden ist. So war es für uns von Anfang an Bedingung ein Haus zu finden, das leer stand.

Im Haus an der Tellstrasse befindet sich eine Bar. Ist diese Bar nicht ein Paradebeispiel der Gentrification: von der illegalen Bar zum «Trendlokal»?
Max: Die Totalbar wurde schon bald als legales Projekt geplant. Sie gibt eine Existenz für vier bis fünf Personen, die selbstverwaltet arbeiten. Die BesucherInnen können wir uns nicht aussuchen. Das Publikum ist durchmischt und grösstenteils aus dem «Quartier», wie wir uns dies auch gewünscht hatten.
Ich glaube nicht, dass uns den Vorwurf gemacht werden kann die Yuppiezierung des Quartiers zu fördern. Die Bar und auch die WG sind klar soziale Treffpunkte und die Preise sind günstig. In der Totalbar laufen auch immer wieder nicht-kommerzielle Veranstaltungen. Meiner Meinung nach sollte es noch viel mehr solche Orte geben.

Moritz: Im Grunde ist der Wert dieses Hauses viel höher. Wir könnten als BesitzerInnen viel mehr herausholen, verzichten aber bewusst darauf, dies zu tun.

Könnt ihr nach fünf Jahren eine Bilanz ziehen. Würdet ihr Euch gleich verhalten?
Moritz: Unbedingt. Für mich ist das Ganze eine Erfolgsgeschichte. In den Häuserzeilen mit unseren Liegenschaften wird kein spekulatives Neubauprojekt mehr möglich sein.

Max: Obwohl ich nie ganz vom Häuserkauf überzeugt war, bin ich gleicher Meinung. Gleichwohl mussten wir für den engen Raum relativ viel Kapital aufbieten. Mir wäre ein Haus mit Garten lieber gewesen...

Moritz: ... klar und alles mitten in der Stadt. Was aber in der Tat noch fehlt ist ein Bauernhof in der Umgebung. (Schmunzelnd) Ein Landsitz mit Sicht aufs Mittelmeer.


* Namen von der Redaktion geändert.


.RF Nr. 11, März 2003

 

 

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